Weg vom Presetdenken

Wie man einen Kompressor richtig einstellt – oder wo fange ich am Besten an?

 

Seite: < 1 2 3 4
Sonntag, 17. Juli 2011
Rubrik: PRAXIS

4. Attack

Die Attackzeit ist einer der wichtigsten Parameter für den Klang eines Kompressors und sollte daher nicht vernachlässigt werden.

Doch auch hier vorab wieder ein wenig Hintergrundwissen:

Wichtig zu wissen ist, dass während der Attackzeit die Regelung zwar schon einsetzt, allerdings den Sollwert erst nach Ablauf der Zeit erreicht. Eine echte Normierung über die Definition der Attackzeit von Regelverstärkern existiert übrigens nicht; zumindest nicht in der Art, dass alle Hersteller und Anwender sich daran halten würden. Welche Aussage also hinter einer bestimmten Attackzeit steht weiß man erst dann, wenn man die Nebenbedingungen kennt.

Verbreitet sind die Versionen, dass die Attackzeit die Zeit ist, die für eine Verstärkungsreduktion um 10 dB erforderlich ist. Eine andere Version beschreibt die Attackzeit als die gesamte Zeit die für die Regelung bis zum wieder stabilen Endwert benötigt wird. Auch die aus der Impulstechnik übliche Definition der Anstiegszeit als die Zeit, die für einen Anstieg von 10 % auf 90 % des Endwertes benötigt wird, wird teilweise im übertragenen Sinne benutzt. Wir gehen im Folgenden von der ersten Version, also die erforderliche Zeit für die Abregelung von 10 dB aus

Zurück zum Thema:

Wie bereits beschrieben, sollte nun die Attackzeit des Kompressors so lange nachgeregelt werden, bis das gewünschte Ergebnis eintritt. Wichtig ist nun das Feintuning zwischen den einzelnen Paramtern.

5. Finetuning:

Der Trick bei der Einstellung eines Kompressors liegt darin, den Threshold zwischen die unteren und oberen Dynamikbereiche zu bekommen - so dass eine konstante „Abwechslung“ von großer und niedriger (und keiner) Komprimierung erfolgt. Zusammengefasst heißt das, den Threshold so zu legen, dass er in dem Bereich arbeitet, wo kontantes Musikmaterial wiedergegeben wird, aber die Pegelspitzen noch nicht beginnen.

Aber aufgepasst: Ein zu niedriger Threshold bringt alles auf den gleichen Level! Also die Parameter immer vorsichtig und auf einander abgestimmt abgleichen.

Wichtige Besonderheiten:

Bei einer nachträglichen Änderung des Input-Gains muss besonders gut aufgepasst werden, denn eine Änderung des Eingangspegels verändert automatisch den Threshold, also den Arbeitspunkt des Kompressors. Das ist auch der Grund, warum beim Mixing kein EQ vor dem Kompressor eingeschleift werden sollte. Denn auch ein EQ macht nichts anderes als (frequenzabhängig) Pegel zu verändern.

Daher sollte immer beachtet werden, dass auch ein kleiner EQ-Eingriff immer durch eine Änderung des Threshold (und der anderen Parameter – falls notwendig) angepasst werden sollte.

Multibandkompression:

Der Multibandkompressor ist im Prinzip genau wie ein herkömmlicher Kompressor aufgebaut, allerdings mit dem Unterschied, dass er über mehrere Bänder verfügt. Im Regelfall sind dies zwischen 3 und 5 Bänder, die alle dieselben Parameter enthalten: Threshold, Ratio, Release und Attack. Da der Input-Gain vor und der Output-Gain hinter die Kompressorstufe geschaltet ist, werden diese Parameter nur einmalig benötigt.

Um sich das Ganze bildlich vorstellen zu können, kann man sagen es handelt sich bei einem 3 Band Multibandkompressor um drei hintereinander geschaltete Kompressoren, die alle nur in einem vorgegebenen Frequenzbereich arbeiten. Daher sind bei einem Multibandkompressor auch die zusätzlichen Parameter für die „Cross-Over“ oder „Trennfrequenz“ vorhanden. Kompressor 1 bearbeitet beispielsweise nur den Frequenzbereich von 20 bis 350Hz, der Kompressor 2 arbeitet im Bereich von 350 bis 3,5 KHz und der dritte Kompressor arbeitet im Bereich von 3,5kHz bis 20kHz.

Der analoge 3 Band Multiband Kompressor S3 von Drawmer (Bild: S.E.A.Vertrieb)
Der analoge 3 Band Multiband Kompressor S3 von Drawmer (Bild: S.E.A.Vertrieb)

Beim Drawmer S3 werden die Trennfrequenzen z.B. als
Beim Drawmer S3 werden die Trennfrequenzen z.B. als "BAND SPLIT" bezeichnet.(Bild: S.E.A.Vertrieb)

Auf diese Weise kann man sich recht einfach vorstellen, dass jeder Frequenzbereich einen eigenen Kompressor besitzt, der individuell auf den jeweiligen Frequenz-Bereich einzustellen ist.

Die Vorgehensweise ist dabei dieselbe wie bei einem „einfachen“ Kompressor –allerdings lassen sich manche Gegebenheiten, wie z.B. die Tatsache, dass Bassfrequenzen eine viele größere Wellenlänge aufweisen und somit auch mehr Energie „verbrauchen“ viel besser ausgleichen. So können z.B. Bassbereich und Mitten unabhängig von einander komprimiert werden und zerrende Bässe gehören der Vergangenheit an. (sh)

Hinterlassen Sie uns doch einen Kommentar zu diesem Artikel.

Sebastian Haitz

Über den Autor:

Sebastian Haitz ist Pre-Mastering Engineer und Tonmeister (VDT) aus Leidenschaft. Er leitete das interne ZYX-Music Mastering Studio bis zur Gründung von 96kHz.de im Winter 2008. Zu seinen Referenzen zählen mehr 850 CD- und Vinylproduktionen, sowie Tonband-Restaurationen u.a. von Motörhead, Ken feat. Fatman Scoop, Édith Piaf oder Louis Armstrong.


Seite: < 1 2 3 4
(Seite 4 von 4)

96kHz.de RSS Feed Drucken Mehr

Rezension / Kommentar: Ihre Meinung ist gefragt
Sie haben Erfahrung mit den im Artikel vorgestellen Themen und Produkten? Teilen Sie uns Ihre Meinung mit und helfen Sie anderen Usern z.B. bei einer Kaufentscheidung mit Ihrem kurzen Erfahrungsbericht.

Tags Tags: Kompressor, Enstellen, Preset, Input-Gain, Threshold, Attack, Release, Ratio, MakeUp-Gain, proaudio, tontechnik, tonstudio


Mit Licht ans Ziel - Was man über den MADI-Standard Wissen sollte (Bild: Archiv)

Mit Licht ans Ziel

MADI, oder auch Multi Channel Audio Digital Interface, ist eine digitale Schnittstelle zur mehrkanaligen Audioübertragung, die ohne technischen Aufwand 64 Kanäle verlustfrei übertragen kann - und das bei einer Reichweite von bis... [mehr]


Was man über Audio-Interfaces wissen sollte (Bild: Archiv)

Vom Ursprung bis zum aktuellen Standard (Teil 2 von 2)

Das Audio-Interface gehört zu den wichtigsten Geräten im Studio. Als Zwei-, oder Mehrkanallösung, mit PreAmp oder ohne: Die heutige Studiolandschaft kann man sich ohne wohl kaum noch vorstellen. Der zweite Teil unseres Artikels... [mehr]


Was man über Audio-Interfaces wissen sollte - zweiteilige Serie (Bild: Archiv / RME)

Vom Ursprung bis zum aktuellen Standard (Teil 1 von 2)

Zu den wichtigsten Geräten im Studio gehört zweifelsohne das Audio-Interface. Als Zwei-, oder Mehrkanallösung, mit PreAmp oder ohne: Die heutige Studiolandschaft kann man sich ohne wohl kaum noch vorstellen. Doch wo liegt der... [mehr]


Zugriffs- und Lesezeitoptimierung bei Festplatten
Fakten zur Defragmentierung
Zugriffs- und Lesezeitoptimierung bei Festplatten (Bild: Archiv) In diesem Whitepaper wollen wir uns mit einem kritischen Thema auseinander setzten – dem Defragmentieren. Ein nicht ganz unkritisches Thema, denn über die Defragmentierung sind viele unterschiedliche Meinungen im Umlauf. Ob eine Defragmentierung Sinn macht, und wann und wo sie sinnvoll eingesetzt werden kann, möchten wir in diesem Artikel versuchen zu klären… [mehr...]
Whitepaper
Studio-Monitore - Fakten die man vor dem Kauf beachten sollte (Teil 2 von 2)
Studio-Monitore - Fakten die man vor dem Kauf beachten sollte (Teil 2 von 2) (Bild: Der zweite Teil unsereres Lautsprecher-Whitepapers geht auf aktive Monitore, sowie deren Nachteile und Besonderheiten ein. Des Weiteren soll die Frage geklärt werden, ob aktive oder passive Monitore im heimischen Studio die Nase vorn haben... [mehr...]
Whitepaper
Studio-Monitore - Fakten die man vor dem Kauf beachten sollte (Teil 1 von 2)
Studio-Monitore - Fakten die man vor dem Kauf beachten sollte Teil 1 von 2 Den richtigen Abhörmonitor für das heimische Studio zu finden kann eine echte Herausforderung sein. Die Auswahl ist groß und viele Hersteller bieten die unterschiedlichsten Modelle in verschiedenen Preislagen an. Worauf sollte beim Kauf eines neuen Monitorsystems geachtet werden und was sind die Faktoren, die den Klang eines Lautsprechers beeinflussen? Dieser zweiteilige Artikel gibt... [mehr...]
Pegel- und Phasenbeziehung
Das Stereosichtgerät in der Praxis
Das Stereosichtgerät in der Praxis - verstehen was es mit der ANzeige auf sich hat (Bild: Archiv) In meiner langjährigen Laufbahn als Mastering-Engineer ist es für mich schon fast normal geworden, dass - spätestens nachdem mein Setup hochgefahren und das Stereosichtgerät eingeschaltet wurde - die eigentliche Mastering-Session zu einem mehr oder weniger umfangreichen Workshop über die Darstellung von Audiosignalen im Metering und das richtige Lesen der Geräte übergeht. Dabei ist das... [mehr...]
Reinhard Wirtz schrieb am 12.08.2011 um 22:44 Uhr:

Best practise Beitrag und sehr praxisnah - eine tolle Hilfe! Danke
"Hank" schrieb am 02.07.2012 um 04:10 Uhr:

Autor: "Hank"
Dies ist wirklich ein klar und kompetent das Thema Kompressor behandelnder Artikel.
Sehr schön, Herr Haitz, haben Sie es doch damit geschafft, dass sich meine musikbegeisterte 15jährige Nichte nach der Lektüre nun voll Elan mit meinen guten, alten dbx 166A auseinander setzen will und tut - anstatt in den Presets ihrer VST-Plugins zu suchen und sie einfach nur auszuprobieren.
Der jungen Dame Kommentar nach dem lesen: Das ist ja so was von fett!
Das macht Lust auf mehr!
Und Ihnen nochmals vielen Dank!!
H. Kress
bmagic schrieb am 17.01.2013 um 13:39 Uhr:

Autor: bmagic
Super Artikel, so kann man den Kompressor perfekt einstellen, mir stellt sich nur noch die Frage wie ich den Effekt einbinde ? Wenn ich Mikros komprimieren will, schleife ich den Kompressor dann über den Effektregler raus und zurück und so womöglich 3-4 Mikros über den gleichen Kompressor Kanal oder wird jedes Mikro sozusagen am Kompressor angeschlossen und durchgeschleift und der OUTPUT dann erst mit dem Mischpultkanal verbunden.
Für eine kurze Stellungnahme wäre ich dankbar.
"Gast" david moessmer schrieb am 06.04.2013 um 08:46 Uhr:

bmagic also kompressoren werden nicht ueber effektwege oder auxen geschloffen sondern ueber die inserts
Hubert-Paul Martin schrieb am 22.08.2013 um 12:16 Uhr:

Hallo Herr Haitz,

vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel über das Einstellen von Kompressoren. Endlich mal ein kleiner Grundkurs über die am häufigsten auftretenden Fragen! Leider haben viele heutige Geräte sog. voreingestellte Kompressorstufen, bei denen man nur den "Threshold" und/oder "Speed" einstellen kann. Ich habe eine Bose T1 Audio Engine, das ist ein kl. 5-Kanal Mischpult mit Effekten und hier gibt es nur diese 3 voreingestellten Kompressortypen: "Light", "Medium" und "Heavy" mit den möglichen Einstellparametern Treshold und Speed. Die Bedienungsanleitung gibt leider nichts her. Wie stellt, oder verändert man aber diese Kompressionstufen für die jeweiligen Anwendungen wie Z.B. Akustik-Gitarre, E-Gitarre, Gesangsmikrofon ein? Noch präziser gefragt: Wie bekomme ich einen bestimmten, gewünschten Effekt (z.B. mehr Druck für die Stimme, mehr Druck für leise Gitarrenpassagen) eingestellt? Als Musiker hat man ja keine allg. Ausbildung in der Tontechnik! Für eine kurze Stellungnahme wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Sagen Sie uns Ihre Meinung:


Ihr Kommentar?
(Die Angabe von Name, Email und Webadresse ist freiwillig)